Zigarettenpause mit Syrer

Vergangene Nacht, schlaflos. Der Autor irrt und schlendert durch die Gänge des Krankenhauses seiner Wahl. Ursache für den Aufenthalt irrelevant. Es ist irgendwas zwischen 2 und 4 Uhr. Draussen herrscht kein Winter, aber Kälte. Also geht man zum Rauchen (was soll man sonst tun) in den dafür vorgesehenen Raum hinter dem Empfang. Der Vorteil: Es ist wärmer. Und man muss selbst weniger Zigaretten anzünden, weil die Luft schon genug Nikotin enthält, auch um diese Zeit noch. Die Belüftung an solchen Orten ist chronisch überfordert.

Einziger Mitmensch ist ein Mann, der ebenfalls nicht schlafen kann. Beide Seelen haben unterschiedliche Gründe dafür, aber gute. Man kommt ins Gespräch. Etwas medizinische Historie aus gegebenem Anlass, etwas Smalltalk. Dann stellt sich heraus: Der Gegenüber stammt aus Syrien, ist geflohen, und lebt nun hier. Sein Deutsch ist erschreckend gut, zumal wenn man weiss, dass er erst seit einem Jahr hier ist, und zuvor nie in dieser Sprache kommuniziert hat. Seine Erklärung dafür: Er lese jede Zeitung, alles, was er in die Finger bekomme. Wer in der Schweiz leben wolle wie er, der MÜSSE sofort die Sprache lernen.

Er geht auch zur Schule zweimal die Woche. Arbeiten wollte er an verschiedenen Orten. Man hätte ihn genommen. Die Papiere fehlten bisher jedesmal, so verlief sich sein Elan jeweils in der Bürokratie. Aber er macht einfach hartnäckig weiter.

Seine Geschichte in Kurzform: Aramäer aus dem Nordosten Syriens. Christ. Gläubig eindeutig, er möchte möglichst bald nach Israel. Um die Stätten von Jesu´ Wirken zu sehen. Und das Land, es sei so lebendig habe er gehört.

Erst wollte ihn Assad in seine Armee in Aleppo einziehen. Da weigerte er sich. Er schiesse nicht auf Landsleute und eventuelle Nachbarn von früher. Also floh er in die Türkei. Dann in den Libanon. Dort aber machte ihm die Hisbollah die Hölle heiss. Wieso er nicht in Syrien kämpfe. Er wand sich, irgendwann wurde es eng, er musste erneut aus dem Land. Via Zwischenstationen kam er irgendwann in die Schweiz. Hier hat er Familie.

Und er legte sofort los mit Sprache lernen, und Job suchen. Wenn er aus dem Krankenhaus kommt, sollten gewisse Papiere da sein, so hofft er inständig. In Syrien würden sie ihn noch an der Grenze am nächsten Laternenpfahl kreuzigen. Das ist dort grade die gängige Begrüssung für Christen wie ihn.

Seine Meinung zum IS, in seinen Worten dem Daesh, ist unmissverständlich. Als ich frage, ob er auch Leute kenne, die gegen den IS kämpften, schaut er erst verdutzt. Dann öffnet er Fotos auf seinem Handy. Viele Fotos. Von vielen Verwandten. Freunden. Bekannten. In Uniform. Seine Mitmenschen füllen ganze Garnisonen.

Die Schweiz übrigens, sein Gastland, sein neues Zuhause, findet er trotz all der bürokratischen Verzögerungen sehr gut. Nur eins ist ihm nicht ganz klar: ER hat alle möglichen theologischen Bücher gelesen, aus Eigeninteresse. Also Bibel, Koran, Testamente, was auch immer. Und sagt immer, man müsse diese Geschichten kennen, und lernen, den Kopf benutzen. Sonst könne man doch nicht leben, schon gar nicht in einer offenen Gesellschaft und Demokratie wie der Schweiz.

Wenn er allerdings mit Muslimen in der Schweiz über diese Bücher und Texte spreche, dann würden diese nichts ausser dem Koran kennen. Sie wollten gar nichts wissen über die Geschichte der anderen Religionen. Alles andere seien nämlich nur GESCHICHTEN, der Koran aber sei die WAHRHEIT.

So ginge es ihm seit er hier sei. Und er verstehe nicht: Wieso sind diese Menschen dann hier? Und: Wieso lässt die Schweiz solche Menschen hier sein? Dies müsse doch zwangsläufig zu Konflikten führen, welche die Nicht-Muslime ausdiskutieren wollten. Nur; er kenne keine Muslime, welche über den Koran diskutieren würden. Stattdessen… Er macht eine zackige Handbewegung dem Hals entlang.

Ich sitze in einer Raucher-Lounge mitten in der Nacht. Es ist nicht das Studio der „Arena“. Dort wäre jetzt Stimmung in der Bude. Hier muss das nicht sein. Keine Einschaltquote im Krankenhaus. Ich höre einfach zu, bis ich irgendwann viel länger dort gesessen habe als geplant, und keine Zigaretten mehr habe. Besser schlafen kann ich nach seinen Erzählungen nicht.

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