Seifenblasen

Die letzten Tage kam ich zur Feier des neues Jahres in den Genuss, ein weiteres Mal die Gastfreundschaft unseres Schweizer Gesundheitswesens zu geniessen. Von einigen Dingen, die in der „normalen Welt“ eher die Ausnahme sind, gibt es in Spitälern reichlich. Kranke Menschen, selbstredend. Viel, viel Zeit. Gespräche über und Spezialisten für Dosierungen von Medikamenten, gerade jene, welche draussen als „Drogen“ zu haben sind.

Gemeint die Patienten, weniger die Ärzte. Kann ein konstantes Unwohlsein auslösen, die Beschreibungen von „Mo“ und „Dorm“ mit „Propo“ zu hören, in einer Umgebung, die NICHT in einer dunklen Unterführung stattfinden, sondern im Raucherraum des Krankenhauses, bei netter Beleuchtung und reichlich Zuhörern. Dealer ohne Stoff zum Verkauf, beim Gespräch über ihren Eigenverbrauch.

Der Versuch, sich davon zu distanzieren, ist zweischneidig. Denn wenn man ehrlich ist: Klar, die eigene Rolle ist genauso Patient wie jene der anderen Mitmenschen auch. Und spätestens wenn der eigene Eingriff naht, oder grade hinter einem liegt, bekommen die Abschussmittel eine persönliche Note. Andererseits, wie dankbar muss man sein, dass all diese Medikamente zugänglich sind, und bezahlt. Welche Schmerzen, welche zusätzliche Not würden entstehen, wenn all die Mittel schlicht nicht vorhanden wären im Haus.

Man muss nicht recherchieren, um zu wissen, wo dies nicht selbstverständlich ist. An den meisten Orten. Die Schweiz ist nicht das Paradies, aber sehen kann man es von hier aus schon ziemlich gut. Während man also nervös auf die Resultate aus dem Labor wartet, rauchend die Nächte verbringt, weil der Zimmer-Mitbewohner zur Gattung Genverschwendung gehört, und wegen Schlafmangels langsam selbst jede gute Erziehung vergisst (und es an sich bemerkt), reicht ein Blick in die Zeitung. Und plötzlich ist alles irgendwie wieder sehr relativ. Wie viele Millionen Menschen fliehen grade aus dem Nahen Osten? Wie kalt ist es dort momentan? Wo übernachten all diese Männer, Frauen, Kinder, Alte? Und welche Bilder tragen sie in ihren Köpfen für den Rest ihres Lebens mit sich?

Der Mitpatient aus Syrien wird operiert. Er hat Angst, und gibt dies zu. Man erklärt ihm: Du bist vor dem IS geflohen, dann vor Assad´s Armee, dann vor der Hisbollah, danach bist du in ner hanebüchenen Flucht bis hierher gekommen. Angst vor einer OPERATION hier ist da wirklich unverhältnismässig. Er lacht. Wir verlinken uns auf Facebook, um in Kontakt zu bleiben. Manchmal sind die asozialen Medien doch sozial.

Kaum auf weiteres entlassen aus dem Krankenhaus, holt man sich seine liebgewonnene Routine zurück. Zeitung und Kaffee, Nachrichten aus der Welt da draussen, zu der man nun wieder gehört. Tödlicher Anschlag in Istanbul auf Touristen. Macheten-Attacke auf einen Juden in Marseille. Merkels „Wir schaffen das“ wird wie abzusehen von der Realität eingeholt, spätestens seit Köln. Die koordinierten Anschläge in Paris mit über 130 Toten sind heute genau zwei Monate her. Noch irgendwie Thema, real oder emotional?

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