Mehr Lebenserwartung kostet

Einen wunderschönen Montagmorgen. Ja, das Wetter liess auch mich nicht schlafen. Nein, auch meine Fensterläden scheinen nicht sturmfest. Während sich also die Gesellschaft am Wochenende feiernd, schlafend oder Steuererklärung ausfüllend beschäftigte, tat der Autor dieser Zeilen nichts von alledem. Eigentlich tat er: nichts.

Mindestens kann man sich einbilden, das Lesen einiger Zeitungen habe zu etwas mehr Bildung geführt. Na ja, wenn man ehrlich ist… Egal. Sie kennen das Gefühl vielleicht. Selbstbetrug auf niedrigem Niveau. Weil, heutzutage gibt es nichts Älteres als die Zeitung von… heute. Onlinemedien sei dank. So surft man dann lieber, um schnell bei Clips zu landen, die hoffentlich keine Katzen, sondern Inhalt zeigen.

Hier also n paar Zitate aus den letzten Tagen, von gedrucktem Papier und Aufzeichnungen im Netz. Zum zuvor schon angesprochenen Thema: „Lässt sich Idiotie eigentlich messen?“ Ich stellte wie immer fest, auch dazu haben sich schon deutlich schlauere Menschen ihre Gedanken gemacht. Wie zu eigentlich allem. Journalist Spillmann beschreibt das Thema so: Wir haben uns speziell in den letzten Jahrzehnten in einem Tempo weiterentwickelt, dass es kracht. Mondlandung, Smartphones, Internet, you name it. Das ist zuerst mal sehr beeindruckend. Der menschliche Geist ist tatsächlich die Krone der Schöpfung (das kommt von mir, nicht dem Journalisten). Und hinter dem Menschen kommt erstmal lange nichts.

Der Haken folgt auf dem Fuss. Unsere Biologie macht evolutionär nun mal eher langsame Schritte. Wir werden n bisschen grösser über die Generationen, im Norden hellhäutiger, aber im Wesentlichen bleibt´s erstmal beim Homo sapiens. Wäre die Entwicklung biologisch in ähnlichem Tempo, „eine Organisation wie der IS hätte sich nie entwickelt“. Weil schlicht zu dumm, rückständig. Nach hinten gewandt stirbt aus. Biologie Grundkurs.

Weil wir nun aber mit dem Haken, also unserem vorderen Hirnlappen noch eine Weile weitermachen werden müssen, entstehen gewisse Probleme. Jüngstes Beispiel: Zürich. Dort muss ausgearbeitet werden, wie jüdische Einrichtungen wie Synagogen, Schulen, Kindergärten etc. besser beschützt werden können. Die Kosten sind in den letzten zwei Jahren um 100 Prozent gestiegen. Aus traurigem, weil gutem Grund.

Die Schweiz ist die Ausnahme der sonst westlichen Regel: Egal in welchem Land; Einrichtungen von Minderheiten, welche bedroht werden, können bei Schutzmassnahmen auf den jeweiligen Staat zählen. Das ist in erster Linie eine Kostenfrage. In der Schweiz ist das anders: Der Staat leitet den Vereinigungen die Bedrohungssituation zwar weiter, für den Schutz muss die jeweilige Gruppe dann aber selbst sorgen. Die überall am stärksten, wenn nicht gar einzige bedrohte Minderheit, sind immer die Juden.

Wenn also jemand das falsche Käppi auf dem Kopf trägt, in die falsche Richtung betet, eine andere Meinung offen äussert, dann überwacht der Staat die Bedroher. Die Bedrohten werden auch über ihr gestiegenes Ablebe-Risiko informiert. Wie sie dann aber die durchschnittliche Lebenserwartung erreichen, ist ihre Sache, und eine Frage des Geldbeutels. Sicherheit ist teuer.

Mir ist eine Person bekannt, überdurchschnittlich intelligent, welche sich überlegte, welchen jüdischen Namen sie ihrem Kind geben konnte, ohne dass eine gewisse Bevölkerungsschicht diesen als jüdisch erkennen würde. Aus Angst um ihr Kind. Yitzak fiel dann weg. Mir ist andererseits ein ebenfalls überdurchschnittlich intelligenter Mensch bekannt, welcher meinte, wenn jemand Karikaturen zeichnet, Satire betreibt, und deswegen bedroht werde, dann sei es nicht die Aufgabe des Staates, für die Sicherheit der bedrohten Person zu sorgen. Dass dies eine der wenigen definierten Aufgaben eines demokratischen Staates ist, offenbar egal. Dass damit willkürlich beschlossen würde, welche Staatsangehörige Schutz verdienen und welche nicht, nicht so wichtig.

Die Schweiz hatte (noch?) keinen Anschlag. Trotzdem ist das Thema Terror auch in der heilen, kleinen Welt angekommen. Schon lange. Auch wenn es sich nicht so anfühlt. Die Synagoge in Zürich hat den Gläubigen übrigens Verhaltenstipps mit auf den Heimweg gegeben. Man solle schnell von dem Gebäude weg, nicht in Gruppen auf dem Trottoir stehenbleiben, und keine Gespräche führen, welche sie als Juden erkennbar machen.