Good Night

Liebe IS-Fanatiker, liebe Leser des gepflegten Blogs. Das war´s. Schwanengesang. Dies wird der letzte Eintrag online auf dieser Seite. Vier Monate Texte. Dass der Zeitpunkt mit dem Tod eines meiner grossen Vorbilder zusammenfällt, ist trauriger Zufall, wirkt aber wie der letzte Tropfen im Fass.

Roger Willemsen, Autor, Fernsehmacher, Intellektueller der einsamen Spitzenklasse, ist mit 60 Jahren gestorben. Ein gebildeter Weltbürger, einer, der alles konnte, nur besser, schneller, und in freier Rede immer druckreif. Wer Willemsen nicht kennt, weiss nicht, was Sprache kann. Ich hatte das Glück, ihn einmal live auf einer Bühne zu erleben. Selten wurde mir so glücklich meine eigene Unfähigkeit bewusst gemacht.

Als ich mich an diesen letzten Text setzte, waren mir schon einige Dinge klar geworden: Erreicht habe ich mit den Texten der vergangenen Monate, es sind über rund 60 Stück, nichts. Das wusste ich schon vorher, aber ein bisschen stirbt die Hoffnung ja zuletzt, selbst bei mir. Das macht mich schreibender Weise zu einem lebenden Toten.

Einige Personen wurden ja schon mal zu Lebzeiten für tot erklärt, sogar ein Papst war dabei (starke Leistung, lieber „Blick“). Auch dem omnibrillanten Oscar Wilde erging es so. Er erfuhr aus der Zeitung per Todesanzeige von seinem Ableben. Er reagierte wie immer, spitzfindig: Die Todesnachricht sei eine „Übertreibung“.

Wer aber in diese aussergewöhnliche Situation gerät, sieht, was die Welt über einen schreibt, und denkt. Durchaus ein spannendes Experiment, wenn auch etwas pythonesk. Es soll ja Menschen geben, die ihren eigenen Nachruf schreiben. Es entsteht das Gefühl wie bei einer „Bucket List“: Was wollte ich eigentlich mal erreichen? Was ist aus den Plänen geworden? Und sollte ich vielleicht anfangen, hinter einige der Punkte einen Haken zu machen? Bald?

Bekannte beschreiben Willemsen als stets neugierig. Würde ich mir eine Gemeinsamkeit einbilden, es wäre dieses Adjektiv. Aber was für eine Biographie er daraus machte! 60 ist kein Alter, und doch würde sein Leben für die doppelte Anzahl Jahre reichen, locker. Ich bin mir ziemlich sicher, er hatte so was wie eine „Bucket List“. Und er hat bestimmt nicht alle seine Punkte abhaken können. Aber Gott, hat er´s versucht!

Dagegen wirkt die eigene Lebenszeit geradezu verschwendet. Daran ändert auch ein Blog nichts, der zu guten Zeiten von 100 Personen pro Tag angeschaut wurde. Aber die guten Zeiten sind längst vorbei.

Was euch betrifft, liebe Leser, folgendes: Wenn ihr noch keine habt, schreibt eine Liste. Und dann fangt an, Haken zu setzen. Was auf der Liste steht ist egal. Es muss keine Politik, keine Familiengründung, keine Rettung der Welt sein. Wenn Fallschirmspringen oder die Miete eines Super 7 der Wunsch ist, dann ist das genauso o.k. Aus Erfahrung.

Ich konnte 2015 zwei Punkte auf der Liste abhaken. Es war gut. Anders als gedacht. Ein bisschen stolzerfüllend. Der Blog übrigens stand nie auf der Liste. Das war kein Wunsch. Sondern Arbeit. Willemsen hätte mehr Lebenszeit verdient. Und wir, um von seiner zusätzlich entstandenen Arbeit zu profitieren. Er ist gegangen. Der Krebs liess keine Chance. Ich hoffe inständig, er hatte nicht zu starke, und zu lange Schmerzen. Good Night.