Die gute Gewalt unterm Baum

Liebe IS-Sympathisanten, neugierige Leser und anderweitig Betroffene

Wenn Air Berlin Weihnachtsbäume gratis transportiert (dafür sonst nichts), die Menschen sich mit Glühwein die Kante geben, und im Kaufhaus Kunden mit Epilepsie am Boden liegen, weil die Beleuchtung etwas „Pink Floydisch“ ausgefallen ist, dann feiert die christliche Welt mal wieder ne Geburt. Zum über 2000sten Mal zwar und historisch gesehen in der falschen Jahreszeit, aber dafür zeitgleich mit „Star Wars VII“, das gleicht es dann irgendwie aus.

Wer noch immer nach passenden Geschenken sucht, und schon alle Lichtschwerter hat: Alle Zeitungen und Magazine geben wirklich gute Tips. Wem der neue Pilcher-Roman unter dem Baum fehlt, weil die Autorin 2015 das Zeitliche segnete und in die ewigen Jagdgründe zu irischen Hügeln und weissen Pferden geritten ist, dem sei gesagt: Man darf auch ernsthafte Literatur weitergeben, wenn es denn sein muss. MeinVorschlag: Pinker: „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“.

Was erstmal sehr unpassend zum seligen Anlass wirkt, ist in Wahrheit eine Sammlung von Beweisen, um wieviel friedlicher unsere Welt geworden ist. Um im Bibel-Slang zu bleiben: Das ist die WIRKLICH gute Nachricht unserer Zeit. Und Pinker kommt mit weniger Seiten aus als die Boygroup der „Magic 12“. Im Wesentlichen zusammengefasst kommt man nach der Lektüre dieses allerneusten Testaments zu folgendem Fazit: Noch nie in der Geschichte der Menschheit sind so wenige Menschen in Kriegen oder anderweitig formulierten Konflikten getötet worden oder zu Schaden gekommen. Und noch nie litten auch so wenige Menschen unter Mangel wie Hunger, Wassernot, Unsicherheit, keinen Bildungschancen.

Was erstmal unglaublich klingt, belegt Pinker mit gnadenlos überzeugenden Zahlen. Und um es vorweg zu nehmen: Er macht nicht den Fehler, und übersieht den Fakt, dass unterdessen ja viel mehr Menschen auf dem Planeten leben. Es geht um Geschädigte pro Gruppe, also zum Beispiel Tote pro 100´000 Personen. Den ersten entscheidenden Sprung macht die Menschheit nach 1945. Die beiden Weltkriege waren durch. Danach fallen die Zahlen schon ins bodenlose. Und dies trotz Korea, Vietnam, Konflikten vor allem in Afrika und statistischen Scharmützeln in Südamerika.

Der Hammer kommt nach 1989. Als Stalin und seine Nachfolger nicht mehr kommunistisch wüten konnten nach der Implosion ihres Systems, schlagen die Opferzahlen fast auf der statistischen Nulllinie auf. Um überhaupt noch messen zu können, wo Menschen wie stark unter Gewalt leiden, ist die Skala zur Erhebung der Daten um Faktor zehn erhöht worden. Das ZEHNFACHE. Hätte man dies nicht getan, die Linie wäre einfach auf der Nulllinie über Jahre weitergelaufen. Und die Zahlen fallen seither weiter.

„Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“. Der Einband ist ganz in rot, eine weihnachtliche Farbe. Das Format passt im Bücherregal ideal zur anderen „Guten Nachricht“, dem Koran, oder dem Jahresbericht von Greenpeace, je nachdem welcher Religion man gerade frönt. Lesen. Und dann eine schöne stille Nacht.

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