Fatwa-Deppen

   Den Typen musste ich einfach treffen. Nach all den Vorkommnissen der letzten Jahre war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich jemand ein bisschen weiter aus dem Fenster hängen würde als andere. Kaum war der Film abgedreht, noch im Schnitt, da gingen die Wogen hoch. Klar wusste man schon zuvor, dass es sich um ein richtig heisses Eisen ging. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich den Mann am Draht hatte. Direkt nach dem letzten Tag mit den Schauspielern hatte er sich vom Cast verabschiedet. Kaum jemand wusste, wo er sich versteckt hielt. Der Schnitt wurde von jemand anderem erledigt, er selbst verschwand. Weshalb dies? Und war die allen auf der Zunge liegende Antwort „aus Angst“ die richtige? Wer war der Mann, der sich in den Windschatten der Provokateure zu hängen schien? War das ein echtes Bedürfnis, der Wille zur Vervollkommnung des Bildes? Oder schlichter Geltungsdrang? Ich konnte all die Thesen am Kaffeeautomaten nicht mehr hören.

Es war nicht einfach, den Mann aufzuspüren. Natürlich konnte man googeln, dann sah man die aktuellsten Fotos, er in einem ziemlich gut gepflegten Garten. Ausserdem gab’s die üblichen Einträge in Foren, die ich mir aber nicht alle antun wollte. Ich hoffte, er täte es ebenfalls nicht. Militanz als Lösungsansatz im 21. Jahrhundert schien beliebt und Mehrheitstauglich zu werden. Aber wo ich den Mann nun finden könnte, blieb über den normalen Rechercheweg nicht herauszufinden. Also mussten andere Kanäle geöffnet werden. Der Vertrieb des Films liess mich erst nach drei Anrufen überhaupt an der Sekretärin eines Chefs vorbei, ich sprach mit einem Mann, der mir offensichtlich erstmal gar nichts glauben wollte. Name, Adresse, Arbeitgeber, Journalistenausweis, all dies doch bitte faxen. Dann könne seine Rechtsabteilung die Echtheit der Angaben prüfen. Die Hintermänner des Films kamen mir vor, wie wenn sie einen Crashkurs in Zeugenschutz beim Mossad absolviert hätten. Noch am selben Tag schickte ich einem der Agenten also all meine persönlichen Informationen. Ausserdem gab ich widerwillig die Absolution, dass man weitere Informationen über mich einholen könnte. Ich hatte keine Zweifel, sie würden es auch tun, und hätten es getan, mit oder ohne den Wisch meinerseits. Allerdings weigerte ich mich, meine Fragen an den Gesuchten einzureichen. Nach mehrmaligen Drohungen seitens der Schutztruppe schickte ich eine Seite mit den üblichen Fragen, die man stellen würde, hätte man eine Stunde Zeit. Mein Plan war aber, dass ich mich wesentlich länger und intensiver mit dem Macher des Films auseinandersetzen wollte. Wenn ich nur erstmal in seinem Haus wäre, dann würde mir schon etwas einfallen, so meine Überzeugung.

Dann traf ich ihn. Dann konnte ich ihn sprechen. Und dann passierte...