Ein Schwarz- und Weissbuch

Der Arbeitstitel kommt der Sache sicherlich am Nächsten. „Mein Struggle“, ein Schwarz- und Weissbuch.
Aufwachsend in der Schweiz, aber mit deutschen Wurzeln, lebte ich im Haus mit den Grosseltern mütterlicherseits. Es war allen bekannt, um immer wieder Thema, dass mein Grossvater wegen seiner jüdischen Vorfahren im Dritten Reich verfolgt worden war. Von einigen Dingen hat er erzählt, meist bei Kaffee und Kuchen, den die Oma reichlich verabreichte. Von anderen Dingen kam nie ein Wort über seine Lippen. Manchmal unterbrach er sich selbst im Satz, dann gingen Blicke um den Tisch, und man versuchte, sich wieder auf stabiles Eis zu bewegen. Er war sofort nach dem Krieg in die Schweiz gekommen, er könne nie wieder in Deutschland leben, so seine Erklärung. Meine Schwester und ich seien ein Wunder für ihn, so meinte er manchmal. Und dass es nicht nur einfach ist, als Wunder zu bestehen, das war ihm durchaus bewusst.
Als mein Vater die Familie verliess, war ich vierzehn. Kurz danach stellte ich ein bisschen penetranter als früher Fragen zu meinem anderen Grossvater. Solange mein Vater da gewesen war, hatte man dessen Papa immer in eine dichte Schweigewolke gehüllt gehabt. Jeder im Haus hatte es so gehandhabt. Aus einer Mischung aus Neugierde und der Ahnung, dass sich etwas Spannendes hinter diesem Schweigen verbergen könnte, hakte ich nach. Und irgendwann wurde Pandoras Box tatsächlich einen Spalt breit geöffnet. Der Mann war ein richtig hoher Nazi gewesen, im Zuge der Nürnberger Prozesse auch verurteilt worden, sass ein paar Jahre im Gefängnis.
Die Verstörung war gross. Von meinem Vater bekam ich keine weiteren Informationen, stattdessen drohte er mir, ich solle es nicht wagen, an diese Informationen zu gehen. Ich muss mich dieser Aufforderung wohl widersetzt haben. Im Jüdischen Museum in Berlin sprach ich mit Archivaren, und bekam etwas später rund 200 Seiten Unterlagen zu meinem anderen Grossvater.
Ziel war nie, eine Biographie über meine beiden Grossväter zu schreiben. Ich wollte der Frage nachgehen, in wieweit man auch mit Geburtsjahr 1978 der Familienvergangenheit nicht entkommen kann. Was passierte mit mir und meiner Schwester? Welche Verhaltensstrukturen haben wir übernommen, seien es nun Überängstlichkeit oder fatalistischer Übermut, das kollektive schlechte Gewissen? Die Idee dieses Textes lag mir nicht nur viele Jahre am Herzen, sondern auch auf dem Magen.
Die Geschichte eines solchen Hintergrundes ist vielleicht selten, aber nicht einzigartig. Ich bin mir sicher, dass auch andere Menschen solche Vitas haben. Mit dem Detail vielleicht, dass ich bei Vereinigungen wie „Kinder der Täter, Kinder der Opfer“ eben gleich in beide Arbeitsgruppen gehen könnte.
Keine der behandelten Personen wird mit Namen genannt. Meine Grossmutter väterlicherseits ist unterdessen ebenfalls gestorben. Sie trauerte den alten Zeiten bis zum Schluss nach.
Mein Vater wird mir kaum Blumen schicken, wenn er von dem Text hören sollte. Umso mehr musste ich ihm einen Handlungsstrang geben.